Somebodies Art Gallery

Klaus Bietenholz (* 29. Dezember 1924)

> Paintings

Kaspar Schnetzler wrote (In german):

DIE PHANTASTISCHE WELT VON KLAUS BIETENHOLZ

Was ist Phantasie?
Es gibt eine spezifisch zürcherische Art von Phantasie. Ihre Definition stammt von Johann Jakob Bodmer, dem bedeutendsten Zürcher in der deutschen Literaturgeschichte. Sie ist zweihundertfünfzig Jahre alt und  für Literaten gemeint, gilt aber heute noch und nicht nur für die Literatur, sondern auch für die Malerei generell und die von Klaus Bietenholz im Besonderen.

Aus folgenden Gründen.  
Erstens bezeichnet Bodmer selbst die Literaten als Maler, nämlich in seiner theoretischen Schrift Die Discourse
der Mahlern. Literarische Künstler malen die Wirklichkeit ab, in der sie leben.Sie sollen ihre Wirklichkeit abmalen, sie aber nicht eins zu eins in ihr Werk übernehmen. Sie sollen keine Kopisten sein. Sondern sie sollen die Wirklichkeit mit Hilfe ihrer Phantasie in ein Bild umsetzen. So soll literarische Kunst gemacht werden. Reine Phantasie ohne Wirklichkeitsbezug gibt es aus Zürcher Sicht nicht.
Bild ist der Link zur Malerei.
Bodmer hat das literarische Bild vor Augen, ich schaue mir die Bilder von Klaus Bietenholz an. Und stelle mir die Fragen: Was ist die Wirklichkeit von Klaus Bietenholz? Wie malt er seine Wirklichkeit in seinen Bildern ab? Wie sehen am Ende des Umsetzungsprozesses seine Bilder aus?
Ich fange hinten an und betrachte die Bilder als Endprodukte dieses Prozesses. Was sehe ich?
Auf den ersten Blick leben die Bilder von Klaus Bietenholz von der Farbigkeit, sie sind bunt im Sinne von vielfarbig. Eine Grundfarbe wird in allen eigenen und komplementären Tönen abgewandelt. So gibt es "grüne Bilder", "rote Bilder", "blaue Bilder", "gelbe Bilder", Bilder in allen Farben des Spektrums. Die Farben sind unaufdringlich aufeinander abgestimmt, mit feinem Pinsel aufgetragen, dem
Auge angenehm entgegenkommend, keine Heftigkeit, kein Kleckse, keine schockierende Gegensätzlichkeit. Eine Augenweide, von der sich die Sicht von Klaus Bietenholz auf seine Wirklichkeit und sein Verhalten dieser Wirklichkeit und den Menschen gegenüber ablesen lässt.
In den Farben hat er das Ziel erreicht, das er von jung an im Auge hatte: Künstler zu werden. Er hat es auf allen Umwegen, die er nicht nur von sich aus wählte, nie aus den Augen verloren und nicht aufgehört, auf dieses Ziel hin zu schaffen. Heute liegt ein Oeuvre vor, das sowohl als Kunstwerk wie auch in seiner Entstehung Respekt und Bewunderung auslöst.
Buntheit wird im Kunstjargon unterschiedlich gebraucht, das Wort ist nicht nur positiv besetzt. Es wird verwendet, um den Unterhaltungswert eines Bildes schwerer zu gewichten als dessen Aussagekraft.
Es ist nicht zu bestreiten, dass die Bilder von Klaus Bietenholz ausgesprochen dekorativ sind in ihrer Farbgebung und in der technischen Perfektion ihrer Ausführung, die, ist anzunehmen, auf seiner Ausbildung zum Schriftenmaler vor dem Computerzeitalter basiert. Bilder sind zum Aufhängen da, es ist kein Nachteil, wenn sie dekorativ sind – auf den ersten Blick. Die Bilder von Klaus Bietenholz haben den Vorteil, dass sie auch einem zweiten Blick Stand halten und vielen weiteren Blicken mehr. Das macht die blosse Dekoration zur Kunst.
Der Betrachter und die Betrachterin bekommen Einblick in eine Welt voller menschlicher, tierischer, pflanzlicher und kosmischer Figuren in allen wahrscheinlichen und unwahrscheinlich phantastischen Gestalten, Positionen und Formen. Abgemalt von der Realität, aber in der Phantasie von Klaus Bietenholz umgestaltet zu Fabelwesen, die bei genauerem Hinschauen lebendig werden und die Geschichte erzählen, die er ihnen auf den Leib gemalt hat.
Aus welcher Wirklichkeit kommen diese Figuren mit ihren Geschichten? Wo hat Klaus Bietenholz seine Vorbilder her?
Aus der Natur der Pflanzen und Blumen, die er in der Gärtnerei des Vaters am Zürichberg und auf dem Blumenmarkt von San Remo zu sehen bekam. Von Onkel Theodor, der in der Gärtnerei arbeitete und ihm durch seine Person, seine Erscheinung und sein Verhalten die Augen für das Phantastische öffnete.
Von seinen Reisen quer durch Europa und immer wieder nach Spanien. Wie gross sein Interesse an einer Wirklichkeit ausserhalb seiner Heimatstadt gewesen sein muss, lässt sich ermessen an der Art, wie er Europa buchstäblich erfahren hat. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als der Verkehr nicht hauptsächlich auf Autobahnen verlief, war er als Junger mit einer Vespa unterwegs, als Familienvater dann aus Platzgründen mit einem blauweissen Ford Anglia. Es passt zu Klaus Bietenholz, dass er unter Zürichs Flagge Europa bereiste.
Das Geld für die Reisen und für das Malen verdiente er sich beim Schweizer Film der Nachkriegszeit (Heidi-Film, Franz Schnyders Gotthelf-Filme, die Zürcher Filme von Kurt Früh). Mitten unter Schauspielern und Filmern erlebte er verschiedenste menschliche Wirklichkeiten, die sein Menschenbild formten. Dazu gehörten auch Begegnungen mit Charlie Chaplin, General Guisan, Manitas de Plata und anhaltende Beziehungen zu Edi Baur und Ines Torelli oder Oscar-Preisträger Xavier Koller. Über den Film fand er als Tontechniker Arbeit im Tonstudio Wartmann in Zürich, für das er dreissig Jahre lang arbeitete.
Im Café Odeon am oberen Ende des Sonnenquai und dessen moderner Variante Select am unteren Ende bewegte sich Klaus Bietenholz im Strom der zeitgenössischen Kunst und in Gesellschaft ihrer lokalen Vertreter. Er nahm die neuen Stilrichtungen auf, kopierte sie aber nicht, er ahmte nicht nach, er setzte sie auf seine persönliche Malweise in eigene Bilder um.
Das sind die Wirklichkeiten, aus denen die Bilder von Klaus Bietenholz kommen.
Die Auseinandersetzung mit diesen Wirklichkeiten ist sehr intensiv, das Bemühen sie in Bilder umzusetzen ist anhaltend, Beruf und Berufung zu vereinen, in beiden gute Arbeit zu leisten, ist anstrengend, kann erschöpfend sein. Von heute aus gesehen, ist es Klaus Bietenholz gelungen, die Herausforderung zu bestehen. Der von Jugend auf bis heute ungebrochene Wille, Künstler zu werden, Künstler zu sein, ist gleichzeitig Ursache und Wirkung. Ursache, die lebenslange Herausforderung anzunehmen, mit der Wirkung, diese bestanden zu haben.
Wo wird Klaus Bietenholz, der Maler und der Mensch, sichtbar? Oder wie kann ein Mensch sichtbar werden, der sich nicht aufdrängt? Klaus Bietenholz war im Berufsleben hinter denen tätig, die dem Berliner Leitspruch folgten Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr. Sie wussten, dass sie sich auf seine Kompetenz und Zuverlässigkeit verlassen konnten.
Auch in seinen Bildern drängt der Maler sich nicht auf.
Es ist kein Zufall, dass Klaus Bietenholz in der von Johann Jakob Bodmer begründeten und von mir behaupteten Tradition der Zürcher Phantasie steht. Er ist geborener Zürcher, in jedem Sinn des Wortes, er hat Zürich sein Leben lang bewohnt, begangen, erfahren und, das auch, erlitten. Er hat Zürich verinnerlicht, auch und vor allem die Eigenart, die man den Zürchern nachsagt, wenn es um ihren Reichtum geht. Sie stellen ihn nicht protzig zur Schau, sie hüten ihn und pflegen ihn für sich. Nur die, die sie zu sich einlassen, können ihren Reichtum ermessen.
Klaus Bietenholz protzt nicht mit seinen Bildern, er lädt freundlich dazu ein, seine Bilder anzuschauen. Wer sich auf ein langes, genaues Hinschauen einlässt, wird reich belohnt.

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